Was bringt Breite?

"Ein Rennrad steht auf 23 mm breiten Reifen." Noch vor wenigen Jahren galt das als unumstössliche Regel, die kein Radsportler ernsthaft in Zweifel gezogen hätte. 2016 ist die (Rennrad-Reifen-) Welt nicht mehr ganz überschaubar, neue Varianten machen sich - im Wortsinn - zunehmend breit.

  Zwar sind die "guten, alten" 23-mm-Reifen für viele immer noch das Mass aller Dinge. Doch 25 mm breite Pneus erfreuen sich wachsender Beliebtheit, und auch das Gros der verkauften Neuräder setzt inzwischen auf dieses Format. Im beliebten Segment der komfortorientierten Touren-Renner sind auch 28 mm breite Reifen längst keine Seltenheit mehr.

  Um das Für und Wider breiter Reifen zu ergründen, hat RB im Rahmen dieses Reifentests auch unterschiedliche Breiten untersucht. Mit Continental, Mavic, Schwalbe und Vittoria bieten immerhin 4 von 7 Herstellern ihre Top-Modell nicht nur in 23 und 25, sondern auch in 28 mm Breite an. Von Hutchinson, Michelin und Specialized gibt es 28er (und breitere Pneus) bislang "nur" bei speziellen Modellen.

Breit und schnell

RoadBIKE führte 2 Messreihen durch: Um direkte Vergleichswerte zu erhalten, wurden einmal alle Reifen in allen Breiten mit einheitlichen 8 Bar Luftdruck gemessen. Da breitere Reifen aber tendenziell mit weniger Druck gefahren werden, wurden weitere Messungen mit "realistischem" Luftdruck durchgeführt  (7,5 Bar bei 25 m Breite, 6,5 Bar bei 28 mm Breite).

 Die Messergebnisse belegen eindeutig: Breite Reifen rollen besser! Die Top-Modelle aller Hersteller erreichen mit beiden Druckwerten in der 25-mm-Variante geringere Rollwiderstandswerte als die schmaleren 23er.

 Nicht ganz so eindeutig ist der Befund, wenn man auf 28 Millimeter geht: Die Top-Modelle von Magic und Schwalbe rollen auch als 28er bei jedem Luftdruck nochmals schneller als die 25er. Der Testsieger von Conti dagegen ist bei realistischem Luftdruck zwar schneller als in 23er.Version, der 25er rollt aber noch etwas leichter. Nur bei Vittoria ist der mit 6,5 Bar befüllte 28er-Reifen langsamer als der 23er.

 Die Erklärung für die besseren Rollwiderstandswerte breiterer Reifen: Aufgrund ihres grösseren Volumens liegen sie - bei gleicher Aufstandsfläche - sprichwörtlich runder auf der Strasse. Bei schmalen Reifen ist die Aufstandsfläche im Verhältnis deutlich länger als breit, beim Abrollen verformt sich der Reifen so stärker und walkt mehr - was sich negativ auf den Rollwiderstand auswirkt.

Pro und Contra breite Reifen

Weitergedacht bedeutet das: Breitere Reifen rollen nicht nur leichter ab, sie fahren sich auch komfortabler, da der Reifendruck bei unvermindert gutem (oder geringerem) Rollwiderstand abgesenkt werden kann. Der breite Reifen schluckt Unebenheiten der Fahrbahn so spürbar effektiver als ein prall gefüllter, schmaler Pneu. Insbesondere auf schlechtem Untergrund oder auf langen Touren bieten breite Reifen so klare Vorteile, da sie den Fahrer entlasten. Beliebig absenken lässt sich der Luftdruck jedoch nicht, ab einem bestimmten Punkt steigt der Rollwiderstand wieder an. Wo genau diese Grenze liegt, ist je nach Hersteller sowie modellabhängig unterschiedlich.

 Ein weiteres Argument für breite Reifen ist der höhere Pannenschutz. Beim Durchschlagstest etwa überprüfte RB stichprobenartig bei einigen Herstellern die Werte in unterschiedlichen Breiten. Eindeutig das Ergebnis: In allen Fällen war das Durchschlagrisiko mit breiteren Reifen deutlich geringer.

 Sind breite Schlappen also grundsätzlich die bessere Lösung? Nicht immer, denn die Breite bringt auch Nachteile mit sich: Fettere Pneus sind schwerer, beschleunigen träger, sie lenken etwas behäbiger ein und ihre grössere Stirnfläche erhöht den Luftwiderstand. Praktische Probleme ergeben sich daraus, dass breite Reifen nicht durch jede Bremse, jeden Rahmen und jede Gabel passen. Und last, but not least sind breite Reifen am Rennrad auch optisch einfach nicht jedermanns Sache.

 Deshalb gilt: Die Wahl der richtigen Reifenbreite hängt vom Einsatzzweck, Einsatzort, Fahrertyp und persönlichen Vorlieben ab. 


Welche Breite für wen?

 

23 Millimeter

Der Rennfahrer

Sie achten auf jedes Gramm, mögen ein agiles, sportliches Handling und finden, ein Rennrad verdient nur dann diesen Namen, wenn es auch auf schmalen Reifen steht? Dann sind 23er-Pneus für Sie die richtigen.

 

25 Millimeter

Der Allrounder

Sie mögen es etwas komfortabler, fahren gerne und viel, sind bei Jedermann-Rennen und Radmarathons aber auch mal schneller unterwegs? Dann sind 25er-Reifen für Sie der goldene Mittelweg.

 

28 Millimeter

Der Tourer

Trägeres Lenkverhalten, geringes Mehrgewicht und aerodynamische Nachteile machen Ihnen nichts aus?

Hauptsache, Komfort und Pannenschutz passen, auch auf schlechter Strecke? Dann sind 28er die beste Wahl

 


Marken-Reifenbreite-Rollwiderstand-Gewicht

 

Hersteller

Continental

Mavic

Schwalbe

Vittoria

Michelin

 

 

 

 

 

 

Modell

GP 4000 S ll

Yksion Pro

One

Corsa G+

Power Comp.

23mm Reifenbreite bei 8Bar

Gewicht

210g

193g

198g

235g

197g

Rollwiderstand

18.78W

25.19W

17.71W

21.04W

20.01W

 

25mm Reifenbreite bei 7.5Bar

Gewicht

222g

215g

214g

249g

212g

Rollwiderstand

17.65W

24.4W

17.47W

18.86W

19.57W

 

28mm Reifenbreite bei 6.5Bar

Gewicht

261.5g

224g

234g

260g

keine

Rollwiderstand

17.91W

23.76W

17.11W

22.15W

keine

 

 


50 bis 70kg Körpergewicht

 

Reifenbreite         Luftdruck

      23                        7,5

     25                          7

     28                          6

70 bis 90kg Körpergewicht

 

Reifenbreite          Luftdruck

                   23                             8

                   25                           7,5

                   28                           6,5

90 bis 110kg Körpergewicht

 

Reifenbreite         Luftdruck

    23                         8,5

  25                          8

  28                          7

 



So wird 2017

Trend 1 Vielfalt

 

Darum geht's: Schaltgruppen gibt es 2017 in einer nie dagewesenen Vielfalt: mechanisch, elektronisch, hydraulisch, mit mechanischen oder hydraulischen Felgen-oder Scheibenbremsen, mit 1-fach-,2-fach- und inzwischen selten, 3-fach-Kettenblättern in unzähligen Abstufungen/Grössen.

  Vorbei sind die Zeiten, in denen wenige Hersteller den Rennrad-Markt mit einem technisch hochwertigen, aber überschaubaren Angebot unter sich aufteilten. Neue Akteure drängen ins Rampenlicht. Nachdem Rotor im Vorjahrseine hydraulische Schaltgruppe Uno ankündigte, präsentierte FSA auf der Eurobike nun seine mit Spannung erwartete elektronische Schaltungsgruppe K-Force WE.

  Sram - ebenfalls erst seit 10Jahrenmit Rennrad-Gruppen am Markt vertreten - bietet mit der Red eTap HRD seine drahtlose Elektronikschaltung nun auch in Verbindung mit hydraulischen Scheibenbremsen an. Campagnolo bringt neben der Potenz-Gruppe, die in der Mittelklasse Shimano Ultegra Konkurrenz machen soll, in absehbarer Zeit auch hauseigene Scheibenbremsen auf den Markt.

  Und Shimano? Die neue Dura-Ace der Japaner bietet eine bis dato nicht dagewesene Funktionsvielfalt mit zahlreichen Auswahlmöglichkeiten inklusive einer in die Kurbel integrierten Leistungsmessung. 

  Egal ob für Hochgebirge oder Flachland, Rennen, Radmarathons oder Feierabendrunde, Strasse, Zeitfahren, Cross oder Gravel - die Komponentenhersteller bieten 2017 für alle Geschmäcker und Einsatzzwecke die passenden Produkte an.

Trend 2 Dics-Laufräder

 

 

Darum geht's: Die Scheibenbremse fürs Rennrad kommt - das zeigt sich auch an den beliebtesten Tuningteilen der Road-Bike-Leser: den Laufrädern. Immer mehr Hersteller bieten ihre Verkaufsschlager 2017 auch als Disc-Version an. So manches Produkt wird nur noch mit Scheibenbremsaufnahme entwickelt. Die Bandbreite ist gross: vom Vollcarbon-Satz bis zum Einsteigermodell. Bei Laufradspezialist Mavic beträgt der Anteil an Disc-Laufradsätzen fürs Rennrad laut PR-Manager Michel Léthenet bereits 40 Prozent - Trend steigend.  

Trend 3 Breite Felgen

 

Darum geht's: Praktisch alle Laufradhersteller haben ihren Modellen für die Saison 2017 breitere Felgen spendiert. Innenmasse von 18, 22, gar 25 Millimetern sind keine Seltenheit mehr. Bei Hochprofillaufrädern soll so die Aerodynamik weiter verbessert und die letzten paar Watt Zeitersparnis herausgekitzelt werden. Bei niedrigen Felgen steht der Komfortaspekt im Mittelpunkt, denn schon 25 Millimeter Reifen bauen auf breiten Felgen effektiv voluminöser. Das Versprechen lautet hier: bessere Dämpfungseigenschaften, geringerer Rollwiderstand, mehr Haftung. 

Trend 4 Vernetzung

 

Darum geht's: Immer mehr elektronische Produkte und An-
Wendungen halten am Rennrad Einzug, sind teils miteinander kompatibel und hochgradig individualisierbar. Noch vor wenigen Jahren kochten einige Hersteller bei den Funkstandards ihr eigenes Süppchen, inzwischen haben sich ANT+Bluetooth etabliert. Powermeter lassen sich so problemlos mit Radcomputern anderer Hersteller koppeln, die ihrerseits immer vielfältiger nutzbar sind. Die Angebote von Online-Trainingsplattformen, Routenplanern und Sozialen Netzwerken lassen, sich einbinden, GPS-Geräte melden die Position an Daheimgebliebene, Mitfahrer oder setzen im Fall der Fälle Notrufe ab. Bei elektronischen Schaltungen lassen sich via PC oder Apps Gangwechsel, Tastenbelegung, Schaltlogik, Standby und Off-Zeiten programmieren - oder eine Fehleranalyse durchführen.

 


Trend 5 Powermeter

 

Darum geht's: Dass wattbasiertes Training die effektivste Methode ist, die eigene Leistung zu verbessern, hat sich mittlerweile herumgesprochen. 2017 bringt nicht nur einige neue und überarbeitete Messsysteme, sonder auch die Erkenntnis, dass Powermeter langsam, aber sicher etwas preisgünstiger zu haben sind. Und natürlich werden alle Hersteller mit Argusaugen beobachten, wie sich Branchenriese Shimano bei der Einführung seines ersten eigenen Leistungsmessers mit der neuen Dura-Ace schlägt.

Test- Bericht aus RoadBIKE Heft Nr. 11